Archiv für Juli 2010

Früher #2 und Tagesbezug

„Immer nur die selben doofen Fragen stellen, wie lange soll das noch so weiter gehen? Lass mich doch in Ruhe, seh ich nicht glücklich aus, das müsste doch der Allerdümmste sehen!“ Armensterben war jahrelang mein Lieblingslied von den Boxhamsters. Es gab wenige Bands, die die bittersüße Melancholie der Jugend mit annehmbarer Musik verbanden. EA80 gehören auch in die Kategorie, wer depressiver unterwegs war hatte noch Platten von Oma Hans im Schrank. Die Gießener genossen ein gewisses Image des intelligenten deutschen Punkrocks, ich kenne ehrlich gesagt wenig Menschen, die die Band und ihre Musik nicht mochten. Schon fast hymnisch waren die Elogen auf die Alben „Tupperparty“ und „Saugschmerle“. Punkrock schien doch nicht ganz am Ende, Rasta Knast, HASS und Rawside sowie die ganze andere Scheiße, welche als die Zukunft der Musikrichtung angepriesen wurden, konnten also beruhigt ausgesessen werden.

Das alles funktionierte für mich bis zum Jahr 2005. Dann machten erstmalig Gerüchte die Runde, Sänger Martin Coburger habe eine Frau nach einem Konzert der Boxhamsters vergewaltigt. Eine Stellungsnahme der Band gab es dazu nicht, eine vom damaligen Veranstalter des Konzerts schon.
So unglaublich der Vorwurf inklusive dem Zusatz der sexuellen Belästigung eines weiteren Mädchens schien, so verbittert war ich anschließend. Weder die Band noch Martin Coburger haben sich bis heute zu dem Vorfall geäußert. Die Ausladungen aus AJZ’s und der regelmäßige Aufruf zum Boykott der Konzerte wird von dümmlichen Veranstaltern meist hornoriert mit Sätzen wie „Aussage gegen Aussage“ oder „Vor Gericht wurde er freigesprochen“.
Und das Publikum? Dem scheints egal. Alleine die Diskussionen im Internet zeigten, wie notdürftig das Thema sexuelle Gewalt auch in der Linken und ihrem Rattenschwanz, der Punkerszene, behandelt wird.

Wie ich gerade jetzt darauf komme? Anlass war die Hamburger Morgenpost Ausgabe vom Freitag, den 30. Juli 2010.
Wie wunderbar doppelmoralig in dieser Gesellschaft mit sexueller Gewalt umgegangen wird zeigt schon die Titelseite der MOPO.
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Während im großen unteren Bereich vier Anwohnerinnen ihre Schildern mit Sätzen wie „Vergewaltiger sollten keine Menschenrechte haben.“ oder „Bitte leise, sadistischer Serienvergewaltiger braucht Ruhe.“ verwertungsgerecht in die Kamera halten, feiert die MOPO dies als Vertreibung der „Vergewaltigerbestie“ aus dem vermeintlichen Paradies Wilstorf. Ein Mann soll sogar fortwährend „Todesstrafe“ gerufen haben. Wenn das mal nicht der junge Herr mit der Erik&Sons Jacke im Hintergrund des Bildes war…

In der gleichen Ausgabe wird ein anderer Serienvergewaltiger (um das Vokabular der MOPO zu nutzen) hofiert und „Lächelnd in die Freiheit“ entlassen. Ein Gutachten hier, eine mögliches Rachemotiv einer enttäuschten Ex da – alle reden vom Wetter, er nicht.

4, 8, 15, 16, 23, 42? Nicht ganz.

21 Tote sind es bisher. Tendenz gleichbleibend. Was in Berlin 1989 als „alternative“ Electro-Massentanzveranstaltung begann, fand jetzt also in Duisburg ein tragisches Ende. Auf der großen Rave-Welle schwappte spätestens Anfang des neuen Jahrtausends jeder Dorfproll und sein blondierter Anhang mit, folgerichtig fanden die letzten Paraden auch im Ruhrgebiet statt. Stumpfsinn is coming home.

Und jeder durfte sich zu den Leichen von Duisburg äußern. Während Eva Herman wieder die Klassenkasperin spielte, forderte der Rest des Volkes entrüstet: Aufklärung! Aufklärung! Und dafür sorgt beim deutschen Volk seit jeher mangels eigener geistiger Alternativen nur einer: Die Polizei. 14 Seiten Wahrheit kamen dabei wieder herum, eine zynischer als die andere.

Es ist die alte Frage von Ursache und Schuld, der sich auch der Boulevard zügig annahm. Und ohne rollende Köpfe von Verantwortlichen, Blumen und Kerzen wird sowieso keine Tragödie behandelt. Ein Interview mit Angehörigen hier, ein Kuschelteddy mit einem Opfer-Namen dort – alles im Sinne der Anteilnahme. Gut, die BILD schoß wieder mal über das Ziel hinaus, aber was willste auch machen mit 80.000.000 potentiellen Leserreportern und deren Handybildern im überquellenden Postfach?

Wem Anteilnahme und verordnete Staatstrauer schon immer zu viel waren, dem bietet die Titanic nach wie vor bereitwillig ihren warmen Schoß. Und der ist immer noch besser als das reuige Gewinsel von Dr. Motte:

Mich persönlich trifft diese Katastrophe auch sehr hart. Zwar hatte ich mich schon vor ein paar Jahren von der Loveparade getrennt und mittlerweile die Richtigkeit dieser Entscheidung auch nicht mehr in Frage gestellt. Doch gerade jetzt, bereue ich es mehr denn je, damals nur mit den Wölfen geheult zu haben und nicht auf mein Bauchgefühl gehört zu haben. Mit einem Veto hätte ich den Verkauf kippen können und die Loveparade GmbH in die Insolvenz gehen lassen können. Doch ich hatteden Wunsch, dass die Parade weiter geht, weil ich das Potential für Frieden und Völkerverständigung darin immer ganz klar gesehen habe

„Das ist alles unemanzipatorisch. Da war der Verein schon mal weiter und auch moderner aufgestellt.“

Sankt Pauli und die Kommerzialisierung. Kunden gibt es noch und nöcher, nur was sagt das über die Seele eines Vereins aus? Eine Annäherung versucht FM4 und fragt anlässlich des 100. Geburtstags Teile der aktiven Fanszene einfach selbst. Schon fast amüsant wirken die Statements von Vize-Präsident Bernd Spies zum Thema Stadionname und respektvollem Umgang miteinander, führt man sich dabei noch einmal die Entwicklung der letzten Monate seit dem Spiel gegen Hansa Rostock vor Augen.
Schwamm drüber? Irgendwie nicht so richtig. Ich bin nach wie vor gespannt darauf, was der FC St. Pauli noch so alles in der Schublade hat und was er im Sand verlaufen lässt. Alles nicht so einfach, alles hin hin hin…Nothing’s about you and me honey, it’s all about the angst and the money.

Lost in Repression?


Carlo Giuliani ist mittlerweile neun Jahre tot. In Hamburg findet seit Anfang der Woche die Veranstaltungsreihe „Lost in Repression? – Control yourself“ statt, die sich hauptsächlich mit Polizeigewalt beschäftigt. Am Samstag, 24.07., endet das ganze mit ner Demo (15Uhr, Startpunkt Landungsbrücken) und ner Party inner Flora (20Uhr).
Als Motivationshilfe für die Demo: Genua wirkt bis heute nach.

Früher #1

Grau-blauer Rauch überall, Sauerstoff und Platz sind mal eben vor die Tür gegangen. Mir läuft der Schweiß durchs Gesicht, ich wische ihn mit dem Ärmel des Guttermouth-Shirts ab und fahre mir anschließend durchs ratzekurze Haupthaar. Haarschneidemaschinen sind die späte Rache der Industrialisierung. Scheiße aussehen, 16 sein. Erste Vorband gerade durch, die Zweite wird gleich loslegen. Fünf Herren in weißen Maureranzügen und gelben Bauhelmen betreten die Bühne, Horscht muss die „Shutcombo“ eigentlich gar nicht ansagen, tut es jedoch trotzdem in breitem Sächsisch. Mittelfinger-Punkrock auf 1,2,3,4…

Bad Dürrenberg, Einzugsgebiet von Leipzig. Wenn du es in letztgenannte Stadt schaffst ist schon viel erreicht. Weitere Fragen zu Bad Dürrenberg gipfeln meist in „zwischen“ und „in der Nähe von“. In diesem Biotop gedeihten Helden meiner Jugend, größtenteils unbeachtet von der musikalischen Außenwelt. Der Band „d.h.“ und ihren regelmäßig abgehaltenen Geburtstagskonzerten ist es zu verdanken, dass diese Band überhaupt den Weg in meinen Kosmos fand und nicht mehr wirklich weichen will. Erste LP, nur auf Vinyl, hieß für mich Verwandte nach nem Plattenspieler anbetteln. „Was ist mit uns“, „Ich hasse meinen Zahnarzt“, „Achilles“, „Ich erinner mich zurück“, „Emo zwo“ – eine Platte ohne Schwachstellen.

Der zweite Longplayer „Hmm…“ stand dem Ersten in nichts nach. „Emo drei“ ist vielleicht der beste Track, der je über kulturell verreckende Zonen-Kleinstädte gemacht wurde, aus denen selbst die letzten korrekten Leute geflüchtet sind.

Horscht, Christian, Schagge, Patty und Wolle sehen dieser Tristesse täglich entgegen und machen das beste daraus, was in diesem Fall Stücke wie „Fordclubmassaker“, „Stillstand“ oder „Kapstrassenstory“ sind. Während ihnen lokale Huldigungen sicher sind bleibt die Frage, ob es nicht auch ein bisschen mehr sein kann und auch mehr sein sollte. Ne neue Platte/nen Split? Wird versprochen, spätestens zum neuen Jahr. Wenn die Kohle da ist. Bis dahin: Segel setzen!

Besser früh raus als nie…

pantoffelpunk hat den ersten Linksextremisten nach seinem Ausstieg aus der „Autonomen Antifa“ befragt. Hier die schockierenden Wahrheiten und Einblicke:

http://blog.pantoffelpunk.de/zermatschtes/interview-mit-einem-aussteiger