Archiv für Februar 2011

Lang lebe die Bauchlinke

Die Bildzeitung ist ein gefährliches politisches Instrument — nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.

Glückwunsch, Frau Holfelder/Holofernes. Sie können bis Drei zählen. Und wie clever sie doch sind. Eine Anfrage der BILD so wunderbar frisch und jung und offensiv mit dem Old-School Medium Brief abzulehnen und dafür die Öffentlichkeit zu suchen. Hut ab, eine freche, junge Mutter aus deutschen Landen. Ein paar Platten mehr werden sie sicherlich nun verkaufen und spätestens bis Donnerstag noch seitenlange Interviews in der taz geben können. Mit dieser Zeitung teilen sie übrigens ein paar Eigenschaften. Die Berliner Hipster und Alt-Hippies denken nämlich auch, sie seien subversiv, alternativ, voll so Anti-Mainstream und hätten die Moral gepachtet. Zum nächsten Jubiläum der taz sollte die von ihnen als Frontfrau geführte Band unbedingt spielen. Oder sehen sie sich selbst gar nicht als Frontfrau? Mehr so flache Hierachien? Und alle knorke unter- und miteinander; und ohne Allüren? Sie sind ja auch gar kein Rockstar, eher eine Leisesprecherin. Dafür liebt sie sogar die FAZ:

Sie kichert und gluckst, wenn sie etwas komisch findet, schneidet Grimassen und freut sich über Kleinigkeiten. Gleichzeitig stolpert sie selten ohne nachzudenken in einen Satz hinein. Sie wählt ihre Worte sorgsam, sagt kluge Dinge und blickt ihre Gesprächspartner mit freundlichem Ernst an.

Putzig. Gegen die FAZ haben sie nun keinen Brief geschrieben. Macht nix. Die haben ja auch keine Agenda. Oder doch? Was ist denn für sie eigentlich eine Agenda? Und wer sind denn noch so alles die Schweine in der Welt? Ach ja, Jung von Matt. Den Koks-Yuppies haben sie ebenfalls reinen Wein eingeschenkt:

Ihr, liebe jungdynamische Menschen, die ihr, zumindest in einem sehr spezialisierten Teil eures Gehirns, genau wisst, was ihr tut. Außer vielleicht, wenn ihr auf die Idee kommt, “Wir sind Helden” für die Kampagne anzufragen, weil, mal ehrlich, das wäre doch total lustig, wenn ausgerechnet die…

Das Problem dabei: ich hab wahrscheinlich mit der Hälfte von euch studiert, und ich weiß, dass ihr im ersten Semester lernt, dass das Medium die Botschaft ist. Oder, noch mal anders gesagt, dass es kein “Gutes im Schlechten” gibt. Das heißt: ich weiß, dass ihr wisst, und ich weiß, dass ihr drauf scheißt

Hohohoho! Na wenn die sich nicht spätestens Montag vor dem MacBook die Augen aus der Birne heulen weiß ich aber auch nicht mehr, in welcher Welt wir leben. Sie sollten in die Politik gehen, Frau Holfelder/Holofernes. Wirklich. Endlich mal Tacheles. Sie haben schier endlosen Mut, den Mächtigen dieses Landes gegenüber zu treten, den Strippenziehern mit der großen Schere der Wahrheit die Leinen zu kappen und allen das Gefühl zu vermitteln, sie stehen mit ihnen auf der richtigen Seite.

Und nun stellt sich heraus: Sie sind wieder die Angearschte! Denn die blöde BILD macht mit ihrem Brief nun doch Werbung. Aber das wollten sie doch gar nicht! Wie können die Schweine das denn nur tun? Haben die denn überhaupt kein Gewissen mehr? Das Abendland retten fällt schwer, wenn der Feind nicht so reagiert, wie sie sich das in Kreuzberger Cafés bei Milchkaffee und Bio-Bier so ausgedacht haben.

Oder hatten sie schon länger den Plan, mit der Zeitung mal so richtig abzurechnen? Und wo ist der entstanden? Etwa als sie an dem Popkurs Hamburg teilnahmen? Oder im Tourbus, irgendwo auf der A7, als ihnen grad keine seichten Billo-Lalalala-Lieder einfielen? Oder haben sie mit Freunden darüber gesprochen, deren Horizont ähnlich begrenzt ist wie ihrer und deren Tiefgang dem einer Pfütze gleicht?

Sie als alte Nein-Sagerin müssen weiter kämpfen. Mit der taz. Und allen anderen Menschen der guten Seite. Lassen sie mich ihnen noch ein leicht abgewandeltes Zitat aus ihrem Brief mit auf ihren steinigen Weg für eine bessere Welt geben:

Auf der anderen Seite, das erklärt sich von selbst, der Rezipient, der saudumme, der sich denkt: Mensch, diese Holofernes*, die traut sich was.

Ich glaub, es hackt!

„Ich habe meinen Glauben so gut es geht an meinen Beruf angepasst – ohne mich selbst zu betrügen.“

Almog Cohen ist derzeit der einzige jüdische Profi der Bundesliga. In der neuesten Ausgabe führte 11Freunde mit ihm ein Interview. Der 22jährige Israeli spricht dort auffällig zurückhaltend über seinen Glauben, die Ankunft in Deutschland sowie seine Erlebnisse mit Lothar Matthäus, den er nach wie vor als einen seiner größten Förderer ansieht, trotz anfänglicher Missverständnisse. Das komplette Interview wird wahrscheinlich die nächsten Tage auf 11freunde.de erscheinen, erste Auszüge findet ihr hier:

11Freunde: Gab es Startschwierigkeiten?

Anfangs war ich zurückhaltender und habe mich wochenlang nur von Thunfischpizza und Pasta ernährt. Der Verein kam mir zwar sehr entgegen, vermittelte mir beispielsweise Kontakte zur jüdischen Gemeinde, aber ich war zu schüchtern, um die Angebote anzunehmen.

11Freunde: Sie wollten dem Klub nicht zur Last fallen.

Ich wollte nichts falsch machen. Aber mittlerweile habe ich verstanden, dass das für den FCN eine Selbstverständlichkeit war.

11Freunde: Während der NS-Zeit fanden in Nürnberg die Parteitage der NSDAP statt. Nicht zuletzt die Rassengesetze leiteten den Holocaust ein. Das Vereinsgelände des 1. FC Nürnberg liegt nahe dem ehemaligen Reichsparteitagsgebäude.

Ich muss zugeben, dass das am ersten Tag schon ein komisches Gefühl war. Aber wissen Sie, ich will hier einfach nur Fußball spielen. Die Geschichte darf niemals vergessen werden, aber ich bin jung und will nach vorne schauen. Nürnberg ist jetzt meine zweite Heimat.

11Freunde: Mit Ilkay Gündogan und Mehmet Ekici treffen sie täglich auf zwei Muslime. Sind da die aktuellen politischen Entwicklungen ein Thema?

Nein, darüber sprechen wir nicht. Mir ist es egal, ob jemand Moslem, Katholik, Deutscher oder Iraner ist. Ich sehe immer nur den Menschen. So gehen Ilkay, Mehmet und ich miteinander um.

11Freunde: Interessieren die sich denn für ihre Religion?

Oh ja, anfangs hat jeden Tag jemand etwas gefragt: Was bedeutet koscher? Worauf musst du noch achten?

11Freunde: Eine Völkerverständigung im Kleinen.

Wir haben uns über das Essen angenähert. Da wir kein Schweinefleisch essen dürfen, bekommen wir vom Club immer ein Extramenü: Fisch, Pasta, Dinge, die wir essen dürfen. So hatten wir das erste Gesprächsthema. Heute sind wir sehr gute Freunde. Wie man sieht: Frieden kann ganz leicht sein.

In your face!

via gazzetta

via übersteiger

Wie sieht’s jetzt in Hamburg aus?

Quäk, quäk, quäk – Thees Ulhmann’s Stimme passt(e) wunderbar zum Hamburger Wahlkampf. Die Hansestadt hat wieder einen konservativen Bürgermeister, diesmal klappte es mit der absoluten Mehrheit. Glückwunsch! 4 Jahre wird der uncharismatischste Haarausfall aller Zeiten jetzt mit seinen Freunden vom Seeheimer Kreis eine Politik „gestalten“, die Blankenese, Altona-Nord, der Schanze und Eimsbüttel nicht allzu weh tut und gleichzeitig ein paar Almosen für Mümmelmannsberg, Billstedt, Horn und Jenfeld übrig lässt. Aber die Studiengebühren sollen ja abgeschafft werden. Und die Elbphilharmonie muss die SPD ja nun leider zu Ende bauen. Und die Elbe wird natürlich vertieft, Stichwort: Wirtschaftsstandort. Der Hamburger möchte ja nun endlich wieder gut regiert werden. Wer sonst keine Probleme hat…
Ich empfehle bezüglich des ganzen Schlamassels den ZEIT-Artikel „Die Heuchel-Hanseaten“.

Die PARTEI scheint mittlerweile auf dem Vormarsch zu sein. Finde ich gut. Was ich auch gut finde:

(via teilnahmebedingungen)
is nich! 11,2% sind immer noch 11,2 zu viel. Beziehungsweise 6,3%.

Hamburg – du kotzt mich an!
Du Dorf – du kotzt mich an!

Clemens, der Kampf geht weiter!

Clemens Meyer »Gewalten. Ein Tagebuch«

Clemens, der Kampf geht weiter!

Der Sommer 2009 war warm, sehr warm. Ich wartete am Leipziger Hauptbahnhof auf meinen verspäteten Zug und vertrieb mir die Zeit in einem der Zeitungs‑ und Buchläden. Inmitten hastig in Magazinen stöbernder Menschen lehnte ein dunkelblonder Mann mit Brille und beigem Hemd am Zeitungsregal und blätterte in einer Zeitschrift für Boxsport. Auch er wartete auf einen Zug, wie sich später heraus stellte auf denselben. Die umstehenden Personen erkannten Clemens Meyer und er genoss dies in vollen Zügen, redete an der Kasse lauter als nötig und verabschiedete sich mit einer leichten Schwungbewegung in Richtung Bahnsteig. Clemens Meyer kaufte die Zeitschrift. Klischeebeladener kann ein Text über ihn nicht beginnen. Er schrieb zudem in dieser Zeit gerade an seinem dritten Roman, ein Jahresroman, ein vermeintliches Tagebuch. Chronologisch arbeitet Meyer das Jahr 2009 auf; ein Projekt, was von der Guntram und Irene Rinke Stiftung in Form eines Stipendiums finanziell unterstützt wurde.

224 Seiten Gewalt. 11 Kapitel Wahn, Brutalität, Rausch, Realität, Ausnüchterung, Sucht und Schmerz. »Ich bin noch da, ihr Schweine!«; diese markigen Worte stellen das Lebensmotto des Protagonisten dar; »Gewalten. Ein Tagebuch«. Der Titel verspricht, was Meyer niemals einlösen wird: Nähe. Tagebücher geben Einblicke, in ihnen reflektiert ein Mensch, schreibt von Sehnsüchten, Ängsten, Träumen und Bagatellen. Meyer hingegen erzählt Geschichten, in denen er höchstens vorkommen könnte. Nur darum geht es gar nicht. Denn darum ging es viel zu lange. Quälend oft musste sich Meyer Fragen zur Authentizität seiner Geschichten und des von ihm beschriebenen Milieus gefallen lassen, jahrelang interessierte Journalisten bei der Personenbeschreibung nichts anderes als seine Tattoos und der steinige Weg zum Literatenruhm. Seine Antwort darauf ist eine Romanfigur, die seinen Namen trägt und Erzählstrukturen wiederbelebt, welche bereits in seinem ersten Roman »Als wir träumten« (2006) sowie in dem mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichneten Werk »Die Nacht, die Lichter« (2008) auftauchten.

Diesmal peppt er seine Geschichten mit tagesaktuellen Geschehnissen auf. Meyer bedient sich Ereignissen wie Guantanamo Bay, dem Amoklauf von Winnenden, dem Leipziger Stadtderby zwischen dem FC Sachsen und Lokomotive Leipzig oder der Ermordung der achtjährigen Michelle. Dies sind bei weitem keine unsensiblen Themen, umso härter ist dafür die Sprachwahl, fast schon quälend geht er bei der Beschreibung ins Detail und setzt dem Leser die Pistole auf die Brust: Umblättern oder durchstehen. Der Autor zeigt: Ich bin mächtig, ich übe Gewalt aus, obwohl ich vermeintlich nur darüber schreibe. Wenn er über den Tod seines Hundes, Prostitution oder verlorene Pferdewetten schreibt, wird die Sprache unerheblich milder; vielmehr kämpft das literarische Ich nun gegen die unbesiegbarsten aller Gegner an, das Schicksal, das Glück und den Tod. Es ist die traurige Ballade von einem Kämpferherz, das niemals sein Glück finden wird, das niemals dort ankommen wird, wo es sich selbst sieht. Aufgeben kann es nicht, das ist daran das Dilemma.

Die unterschiedlichen Kapitel wirken an manchen Stellen wie eine Drehbuchvorlage, so stark kokettiert Clemens Meyer mit Brüchen, Sequenzen, Einblendungen und Handlungsüberlagerungen. Auch dieses Motiv ist zumindest aus »Als wir träumten« bekannt. Wenn sich Meyer scheinbar in einen Wahn arbeitet und dies mit filmischen Meilensteinen wie »Taxi Driver« oder »Apocalypse Now« assoziiert, ist dies zu einem kleinen Teil der Schrei nach bildungsbürgerlicher Anerkennung, hauptsächlich jedoch einfach nur großartig geschrieben. Diese Ekstase hält leider nicht lange an, manchmal lesen sich Abschnitte wie holprig miteinander verbunden und notdürftig repariert. Die Dramaturgie, die Meyer um einzelne Alltagserlebnisse aufbaut wird denen nicht immer gerecht, Leipziger Flüsse oder Bielefelder Rummelplätze sind dafür nur zwei Beispiele.

Jahresrückblicke sind immer persönlich, höchst selten messen Menschen Ereignissen dieselbe Bedeutung zu. Bei Meyer endet der Jahresroman mit einem Todesfall, dem seines Hundes. »Er ist weg« sind die letzten Worte, die Realität negiert das marktschreierische Lebensmotto des Anfangs. Die großen Kämpfe gehen immer verloren. Meyer verlieh dem Jahr 2009 eine Dramaturgie, der es nur bedingt gerecht wurde. Sein Buch ist ein ansprechende Fortsetzung seiner bisherigen Romane, aber keine wirklich Weiterentwicklung. Im Vergleich zu seinem Erstlingswerk »Als wir träumten« ist die Unbekümmertheit des Erzählens, die auf jeder Seite mitschwang, verloren gegangen und einem Zwang gewichen. Die wenigen Geschichte, die Meyer in »Gewalten« erzählt/verarbeitet, lassen die Befürchtung aufkommen, dass der gezwungene Eindruck sich auch dort niederschlägt: Wer Geschichte finden muss, um überhaupt etwas zu erzählen, dem gelingt zumeist kein Glanzstück. Man könnte fast meinen, er hält seine bisherigen Beschreibungen der ostdeutschen Lebenswirklichkeit selber nicht mehr für interessant genug und bedient sich eher bei Auflage-machenden Themen. Eine Art Selbstinszenierung: Meyer duckt sich nicht weg, sondern sucht offen seinen eigenen Umgang mit dem Elend in der Welt – klingt mutig und ufert doch zu oft aus.

»Das Gefängnis, der Knast, das Eingesperrtsein schien immer mein Schicksal zu sein, schon meine Mutter drohte mir als Kind mehrfach mit Jugendwerkhof und Heim, aber vielleicht denke ich mir das jetzt nur aus zugunsten der Dramatik.«

Meyer liefert die Zusammenfassung seines Buches quasi selbst. Unbestritten ist er ein sehr guter Erzähler, seine Geschichten haben Leuchtkraft und bescherten ihm nicht zu Unrecht eine ordentliche Stammleserschaft. Diese sollte er mit seinem nächsten Werk für die Strapazen entschädigen. Denn ein Boxerherz gibt nie auf.

Hamburg ist braun-weiß

All die Eindrücke, all die Szenen, die seit gestern Abend Achterbahn vor dem inneren Auge fahren, können nicht schriftlich festgehalten werden. Mutig sind die, die es probieren und ich verweise an dieser Stelle gerne auf sie, ich lasse weiterhin alles wirken und klicke mich durch Videos, Bilder, Facebook und natürlich das Rauten-Forum.


(„Ich liebe den Verein. Ich liebe ihn wirklich. Das kommt zu 100 Prozent aus meinem Herzen.“)





Es ist alles gesagt.

Ist ja auch bald Mittwoch…

Ups, Thomas Bernhard wäre 80 geworden

Kaum ist eine neue Keksdose angebrochen, sind die Waffeln weg, und übrig bleiben immer diese Marmeladendinger. Eine neue Dose wird aber erst angebrochen, wenn auch die Marmeladendinger aufgegessen sind, die aber niemand von uns gern isst! Und genau so machen wir hier auch Zeitung, und das kotzt mich an!!

Benjamin von Stuckrad-Barre ist mittlerweile bei der Welt untergekommen. Nun ja. Hatte eh lange Zeit nix mehr von ihm gehört, sein letztes Buch fand ich auch eher langweilig. Sein Dramolett zum Geburtstag des österreichischen Schriftstellers ist hingegen ziemlich lesenswert, wenn das Kalkül und der „wie sind wir wieder innovativ“-Gedanke, die zu solchen Veröffentlichungen führen, zur Seite geschoben werden.

Jaja. Der Bernhard hat viel gesagt. Ganz viel hat er gesagt, der Bernhard. Wer kommt mit essen?

Eine schöne halbe Stunde


Besser ist das:

via raumgegenzement