At least the sun is shining


Mein erstes Trikot des FC Sankt Pauli war beflockt mit der 21, Stanislawski. Er war kein begnadeter Verteidiger, seine Spieleröffnung tat erst in den Augen und dann im Magen weh. Nein, frei von Fehlern war er nie. Ich mochte das. Damals, als ich den Verein verklärt sah, als Underdog im Profifußball, der sich mit solchen Spielern gegen die Paolo Sergios und Sergej Barbarez‘ dieser Welt wehrte. Gute, alte Zeit.

Seine Rolle als Sportdirektor kann ich nicht beurteilen, da ich bis heute nicht weiß, was diese Sportdirektoren eigentlich so machen. Ein angebliches Bindeglied zwischen Trainer und Manager? Kippe rauchen wie Horst Heldt? Auf der Tribüne neben Holzhäuser sitzen wie Rudi Völler? Überteuerte Spieler verpflichten wie Miroslav Stevic? Scheint ein Gesamtpaket zu sein. Nun, von den Zigaretten ließ Stanislawski nie ab, er saß auch gerne neben Corny Littmann herum und in der 3. Liga spielten hier so Superstars vor wie Jens Scharping, Ifet Taljevic oder Daniel Stendel. Zum Glück entließ der Verein Andreas Bergmann und zum Glück wurde Holger Stanislawski Trainer des FC Sankt Pauli. Das haben alle damals so gesehen.

Das ich nicht lache. An seiner sportlichen Kompetenz wurde mehr als nur gezweifelt, gerade weil der FC Sankt Pauli in der Hinrunde 06/07 überall in der Tabelle zu finden war, nur nicht auf einem Aufstiegsplatz. Was uns alles erspart geblieben ist. Marc Fascher und Holger Fach zum Beispiel, um nur zwei Kandidaten zu nennen. Nach dem Aufstieg in Liga zwei meldete sich plötzlich der DFB zu Wort, bei dem Sankt Pauli bekanntlich einen Stein im Brett hat, und drängte Stani dazu, seine Trainerlizenz zu erwerben. Jahrgangsbester, Klassenerhalt.

Die folgenden Zweitligajahre wurden Spieler verpflichtet, deren sportlicher Wert für den Club zweifelhaft war. Spielmacher Alexander Ludwig, angehender Nationalspieler Filip Trojan und David Hoilett waren hervorragende Einzelspieler und genau deswegen nicht zu halten. Lediglich Hoilett führte etwas fort, was ansatzweise als Karriere bezeichnet werden kann. Erst- und Zweitgenannter werden, sofern nicht das Finanzamt oder die Duisburger Ersatzbank etwas dagegen haben, nächste Saison als Gäste ans Millerntor zurückkehren.

Über René Schnitzler wurde in letzter Zeit genug berichtet, doch auch viele weitere (von Stanislawski ausgewählte) Neuzugänge waren bedeutungslos für die sportliche Entwicklung des Teams. Benjamin Weigelt, Björn Brunnemann, Marc Gouiffe à Goufan kamen so schnell, wie sie wieder gingen. Mit der Verpflichtung von Helmut Schulte wurde die Talsohle überwunden und die offensichtliche Kompetenzlücke geschlossen. Stanislawski ließ fortan Konzeptfußball spielen und holte sich dafür seine Wunschspieler. Das eben jene auch so einschlugen, hätte niemand vor der Aufstiegssaison gedacht.

In der letzten Saison spielte der FCSP den besten Fußball, den ich jemals am Millerntor oder in einem Auswärtsblock stehend gesehen habe. In einer kleinen Stadt nahe Nürnberg fand diese Saison ihren würdigen Höhepunkt und Abschluss. Eine goldene Zukunft lag im Jubiläumsjahr vor dem Club, seinen Fans und der Vereinsführung. Abgerundet wurde dies alles durch den Rücktritt von Corny Littmann. Wer sollte uns denn bitte noch stoppen?

Doch der FC Sankt Pauli stieß sportlich schnell an seine Grenzen, zahlte mehr Lehrgeld ein als jeder andere Aufsteiger zuvor und wird am Ende der Saison wieder den Gang in die zweite Liga antreten müssen. Ich glaube übrigens nicht an Wunder und lasse mich gerne eines Besseren belehren.

Holger Stanislawski, Christian Bönig und wahrscheinlich auch André Trulsen werden dabei nicht mit von der Partie sein. Auf einer heute einberufenen Pressekonferenz verkündete zumindest der Trainer des FCSP seinen Abschied. Was danach in den sozialen Netzwerken, der Idioten-Klitsche und auf der Homepage des Vereins passierte, war in beide Richtungen hemmungslos überzogen. Wut und Ärger vs. tiefste Betroffenheit und Pathos – die Wahrheit liegt in der Mitte.

Auffällig ist, dass Sankt Pauli Fans sich diesbezüglich nicht „anders“ äußern oder verhalten, als alle andere Fans auch. Es fallen Vorwürfe wie Personenkult, Geldgier; auch der Zeitpunkt der Verkündung wird kritisiert. Das andere Extrem bildet die Homage, die gleichzeitig den Untergang des Abendlandes herbei phantasiert.

Zum Thema Personenkult: Ein Fußballfan ikonisiert fast alles und jeden, der in einem wichtigen Spiel oder über einen längeren Zeitraum die Erwartungen von ihm oder ihr erfüllt bzw. übererfüllt hat. Oder der positiv überrascht. Thomas Meggle, Morike Sako, Deniz Naki und Bene Pliquett sind die jüngsten Fälle. Holger Stanislawski war und ist auch einer von ihnen. Doch wendet sich der Held ab, macht taktische Fehler oder wechselt nach 18 Jahren den Verein, kann es ganz schnell vorbei sein mit den warmen Worten und Gesängen. Die virtuelle Enttäuschung schlägt sich Bahn, der Erfolg hatte plötzlich immer mehrere Väter und der aktuelle sportliche Misserfolg einen Hauptschuldigen. Und überhaupt und generell. Der Verein werde schon nicht zu Grunde gehen, nur weil ein Trainer ihn verlässt. Man solle die Kirche im Dorf lassen.

Das würde ich eben jenen empfehlen, die den schnöden Mammon als Grund anführen für den Wechsel. Diesen Spekulationen schob Stani selbst schnell einen Riegel vor, indem er auf das hervorragende Angebot seines jetzigen Arbeitgebers verwies. Taktisch klug von ihm, doch egal was er sagt, die Worte kommen eh nicht beim Rezipienten an. Für eben jene geht es im Fußball neuerdings und scheinbar vollkommen überraschend um Geld. Um Gehälter, Ablösesummen, Prämien und Handgelder. Und davon hat diese sogenannte „Fußballhure“ TSG Hoffenheim ja genug. Wie kann er da nur hingehen fragen sich die Paulis. AUSGERECHNET „Hoppenheim“. Da mir diese Diskussion um Tradition und den „wahren“ sowie den „modernen“ Fußball mittlerweile so zuwider ist, verweise ich lieber auf einen Artikel, der in der Gazzetta erschienen ist. Quasi eine Packungsbeilage, um den deutschesten aller Vorwürfe beizukommen.

Last but not least eine kurze Anmerkung zum Zeitpunkt: Holger Stanislawski wird nachgedacht, sich mit seiner Familie beraten und dann Hoffenheim zugesagt haben. Damit entschied er sich nach 18 Jahren das erste Mal gegen den FC Sankt Pauli. 18 Jahre. Wie kann es dafür überhaupt den richtigen Zeitpunkt geben? In der Winterpause? Am Saisonende? Mit der Unruhe im Gepäck die nächsten Wochen Abstiegskampf? Und ich weiß jetzt schon, was ihm dann vorgeworfen worden wäre. Denn es wird ihm bereits jetzt zum Vorwurf gemacht.
Er stelle seine eigene Person über den FC Sankt Pauli, gefährde den Klassenerhalt und stehe nicht hinter der von ihm ausgerufenen Mission. Um es kurz zu machen: Ich halte das für großen Schwachsinn.

Sankt Pauli wird nicht absteigen, weil Stanislawski im April sagt, dass er nach der Saison kein Coach mehr ist. Sankt Pauli steigt ab, weil sie das Tor nicht treffen, sich haarsträubende Fehler in der Defensive leisten, jeden angeschlagenen Gegner aufbauen, auf diverse Leistungsträger verzichten müssen und während der Saison nicht die Konzentration für 90 Minuten aufbrachten, woraus späte Gegentore und unnötige Punktverluste resultierten. Sankt Pauli steigt auch ab, weil Stanislawski spät und manchmal falsch wechselte, seine taktischen Vorgaben nach zehn Spieltagen von vielen Gegnern durchschaut wurden und weil schlicht und einfach auch das Glück fehlte.

Ich erinnere mich noch gut an den August des Jahres 2010, als vollmundig durch das Viertel Sätze flatterten wie „Zwei Siege gegen den hsv, dann ist mir alles andere egal.“ Auch ich war einer von ihnen, nur bin ich dabei geblieben. Zwar sind es „nur“ vier statt sechs Punkte, ich zeige mich an dieser Stelle generös und verzeihe vieles. Der Frust über den sportlichen Niedergang der Mannschaft im letzten Saisonviertel wird jetzt auf Holger Stanislawski umgemünzt, was ihm als Person und der Sache nicht gerecht wird.

Zu Beginn dieses Artikels ging es viel um die Thematiken, über die gern beim fünften Bier glorifizierend gesprochen wird oder Dinge, die teilweise in Vergessenheit geraten sind. Gerade um die Relation zu wahren ist ihre Erwähnung unumgänglich. Mal sehen, wer hier ab Mitte Juli auf der Trainerbank sitzt und was eigentlich aus André Trulsen wird. Ich ziehe den dicken Büskens übrigens Andreas Bergmann vor, dessen Name unnötigerweise durch den Blätterwald rauscht. Und den Typen aus Paderboring kannte ich bis gestern gar nicht.

18 Jahre assoziere ich nomalerweise mit Volljährigkeit. Raus aus der gewohnten Umgebung, auf der Suche nach etwas Neuem. Viel Glück dabei Holger und Danke. Für viele schöne Momente, Spiele und Erlebnisse.


7 Antworten auf „At least the sun is shining“


  1. 1 fan 13. April 2011 um 22:48 Uhr

    Bombe, besser hätte ich es nicht ausdrücken können! Danke…

  2. 2 casche 14. April 2011 um 9:38 Uhr

    Auffällig ist, dass Sankt Pauli Fans sich diesbezüglich nicht „anders“ äußern oder verhalten, als alle andere Fans auch.

    und? versteh deine argumentation nicht, müssen wir immer anders sein? und vor allem, warum sollten wir?

  3. 3 wohin in hamburg 14. April 2011 um 9:53 Uhr

    alles gute, stani!

  4. 4 Jekylla 14. April 2011 um 11:30 Uhr

    Der unaufgeregteste und damit beste Artikel zum Thema, wunderbar geschrieben.
    Und mir reichen die vier auch immer noch…

  5. 5 Lichterkarussell 14. April 2011 um 11:51 Uhr

    Schöne Worte! Sehr reflektiert geschrieben. Gefällt mir mehr als gut!

  6. 6 Administrator 14. April 2011 um 12:58 Uhr

    @casche:
    Aus rationalen Gründen. Nach 18 Jahren FCSP hätte ich mir gewünscht, das einigen nicht als erstes „wegen des Geldes“ oder „lässt uns im Stich“ aus der Birne fällt. Da habe ich wieder einmal zu viel Reflektion erhofft.

  7. 7 Lothar M. 15. April 2011 um 10:51 Uhr

    ..wenn Ihr mich fragt, ich würde es machen!Hsv oder Pauli, hauptsache an der Ostseeküste.

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