Archiv für Juni 2011

„Schutz für die, die andere schützen.“

Neues aus der Kategorie

Kaum ist die Innenministerkonferenz in Frankfurt vorbei, auf der Boris Rhein in einer flammenden Rede noch einmal hieb- und stichfest den kausalen Zusammenhang zwischen Alkohol und Gewalt bei Fußballspielen thematisierte, legt die Junge Polizei Bremen gleich einen nach. Wie damals im Ethik-Unterricht basteln sie hübsche Bildcollagen zu weltbewegenden Themen. Fallbeispiel 1:

Was möchte uns der hässliche Mann mitteilen? „Auch Polizeibeamte haben das Recht auf Schutz ihrer Privatssphäre. Keine Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte!“ Soso. Privatsphäre, Recht, Schutz – alles Worte, die aus den Mündern der Freunde und Helfer etwas unglaubwürdig klingen. Aber nur etwas.
Fallbeispiel 2:

Diesmal ganz viele hässliche Männer und Frauen, die auf den ersten Blick mit ihren Rücken Bäume abstützen. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass sie lediglich einen Holzfäller mit Kuscheltier von seinem Arbeitsplatz/sexuellem Paradies fernhalten. „Entlassene Sexualtäter sind eine Gefahr für die Gesellschaft! JUNGE POLIZEI fordert die Politik auf, schnell zu handeln!“ Soso.
Fallbeispiel 3:

Alltag auf deutschen Bahnhöfen.

Was bleibt als Erkenntnis? Im Ethikunterricht hätte es eine 3+ gegeben. Bemüht, phantasievoll, was auch nicht immer gut ist. Als überaus gelungen, und das möchte ich hier noch einmal hervorheben, sind die Darstellungen der hässlichen Polizisten anzusehen. Da wurde dann doch sehr detailgetreu gearbeitet.

…, dass sie die Schweine beißen.

Liebe Tierbefreier in Hamburg,

nachdem ihr die Stadt schon mit euren Aufklebern zuballert, hier ein kleiner Tipp: 2 Sekunden nachdenken, dann Spot auswählen.
grunz grunz

Herzlichst, afterchangeswearemoreorlessthesame.

Eine Sternstunde der DSF-Reportagen



„Was schert uns das Land, wir sterben für Dynamo.“

Gängiges Vorurteil, dass in der Sommerpause nicht viel auf Blogs mit Fußballbezug passiert, was auch hier leider bestätigt wird. Vor allem Urlaub streute Sand ins Getriebe, heute hier morgen dort, um Hannes Wader ins Spiel zu bringen. Auf Reisen hab ich meist die Zeit, mir ein Buch zu schnappen, was ich schon seit Ewigkeiten lesen wollte. Irgendwie verhindert der normale Alltag solche Unterfangen (Stichwort: Trash-TV, Weltnetz-Daddelei etc.), der temporäre Bruch ist immer gern willkommen.

Mittlerweile besitze ich vier Werke des Dresdener Autoren Veit Pätzug. Schwarzer Hals und Gelbe Zähne 1&2 waren das Beste, was ich nicht nur hierzulande über Fans jemals gelesen habe. Keine Hool-Schmonzetten, kaum Landser-Romantik, sondern ein, manchmal auch erschreckend, realistisches Bild über die Fanszene der SGD. Das Buch über Traktor Dösen wollte daran anknüpfen, so richtig warm wurde ich mit ihm nicht. Die Langweiligkeit dieser Fanszene frisst sich durch jede Seite, wo mich Dynamo-Fans mit Europokaltouren in den 1980ern begeisterten, wiegte mich Lok regelmäßig in den Schlaf.
In seinem letzten Buch „Was wir niemals waren“ tritt Pätzug das erste Mal nicht nur als Interviewer auf, sondern erzählt. Über Dynamo, über die Stasi, die Wende, Punkrock, Nazis und Dresden-Neustadt.

In Ostdeutschland brach die neue Zeit im Juli 1990 mit der D-Mark an, für manchen Dresdener begann die tatsächliche Wende erst fünf Jahre später. Die Zeitrechnung für Dresdener Fußballfans: „Dynamo vor 1995 und Dynamo danach.“ Wenn auch alles andere ringsum zusammenbrach, wir hatten unser Ein und Alles vor Invasoren, Stasi-Zorn und feindlichen Übergriffen verschanzt. Doch nun lag auch unsere Geliebte auf dem Sterbebett und siechte vor aller Augen dahin. Was schert uns das Land, wir sterben für Dynamo. Trauerkränze an den Stadionzäunen, letzte Rosen davor, zerschmetterte Seelen lösen sich in Tränen auf. Der Film ist aus, der Vorhang schließt sich. Das schwarz-gelbe Märchen ist zu Ende. Ich knipse den Fernseher aus, starre in die schwarze Röhre und frage: „Was nu?“ Hans liegt auf der Couch, bastelt gerade an einer neuen Rohr-Ladung und murmelt: „Na nüscht. Ende Allende. Schicht im Schacht. Aus die Maus. Auf Wiedersehen! Heul ni rum. Das war’s, Lars. So einfach ist die Welt. Einfacher wird’s, wenn wir jetzt erst ma schön eene rochen. Übrigens, ich mache zu Sabine.“ Hans zog zu seiner Freundin. Daniel, der eigentlich das freie Zimmer in meiner Bude bekommen sollte, befand sich seit Monaten abwechselnd in der Gosse oder in einer Entzugsklinik. Ich war froh, ihn überhaupt noch ab und an einigermaßen lebendig zu sehen und glücklich, wenn er mich erkannte. Andere aus meinem Bekanntenkreis hatten sich totgesoffen oder waren dauerhaft in anderen Welten unterwegs. Verwirtte, zitternde Dauerpatienten, vollgepumpt mit allem, was das Drogentablett hergibt.

Inwieweit das Buch autobiographisch ist, was Fiktion und was real war, sei dahin gestellt. Trotzdem gibt es einen schönen Einblick in die Irrungen und Wirrungen der Wendezeit, geschrieben aus der Sicht eines Mannes, der in dieser Zeit erwachsen wurde.

Nur in einer Diktatur konnte sich eine Gemeinschaft mit dem Ruf erheben „Wir sind das Volk!“. Und nur allein eine Diktatur konnte daran zerbrechen. Unseren westlichen Nachbarn muss der Aufbruch im Osten wie eine romantische Novelle erschienen sein. Wer weiß, wie viele sich zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen vor ihren Bildschirmen amüsierten: „Goldig, ist es nicht goldig?“ Da fordern welche was mit Ur-Gewalt, das ist doch bei uns selbstverständlich! Und kaum waren die mächtigen Montagsdemonstrationen in den „neuen“ Ländern Geschichte, parodierten wir uns ja auch selbst: „Wir sind das Volk – ich bin der Volker!“ Humor ist, wenn man trotzdem lacht, welch Anerkennung der Gegenwart! Gemeinsam erzogen, gemeinsam aufmüpfig, gemeimsam kollektiv gescheitert – und als Einzelne verpflanzt. In eine Welt, die uns so ungeheuer war, dass wir uns sofort wieder duckten. Ausgeliefert und panisch in uns selbst gefangen, dachten wir, es gäbe nur zwei Wahrheiten: putzen oder putzen lassen. Der einzige Ausweg: scheitern.

Das Buch erhöhte zudem die Vorfreude auf die kommende Zweitliga-Saison. Übertreibungen inklusive:

(via elbkaida)
Als zusätzlicher Motivationsschub diente zudem ein kürzlich entdeckter Tumblr-Blog mit netten Bildern -> The best in football: Football culture.
Immer noch keinen Bock auf Foppes? Dann klick dich halt weiter durch den Frontline Onlineshop: