Zum Lachen geh ich in den Tabellenkeller

Lieber Jimbo Jones,

irritiert-amüsiert las ich deinen Artikel über das Spiel zwischen Hansa und Sankt Pauli. Du erklärtest dich und deine Rostocker Kollegen zu „Derbysiegern“ und dem „schlimmsten Alptraum“ der Braun-Weißen. Was für ein Quatsch das ist kann jeder in deinen comments nachlesen. Gleichzeitig verteidigtest du Raketen und Böller, die in den Sankt Pauli Block flogen, was zu heftiger Kritik an deinem Artikel sowie einer Stellungnahme deinerseits führte. Und eben jene ist noch schlimmer als die Melange aus Geheule und Geprolle, die du als Spielbericht verkauft hast.

Ein Beispiel dafür, dass ich mich natürlich genauso wenig einer Ultra-Ideologie, wenn man sie denn so bezeichnen will, entziehen kann und irgendwie auch will, als andere. Und als Beispiel dafür in welchen Widersprüchen sich diese Ideologie bewegt. Denn, wie schon die italienischen Ultras 1995 nach dem Tod von Vincenzo Spagnolo konstatierten, ist diese Welt der Ultras „trotz all ihrer Widersprüche, doch [eine] freie und wahre Welt“. „Frei“ vor allem, weil sie gesellschaftliche Räume öffnet, die sich einer gewissen staatlichen Regulierung entziehen und damit Entfaltungsmöglichkeiten erschließt, die unter normalen Umständen wohl nicht da wären. (…) Und „wahr“, weil bei den Ultras schlicht nicht das Geschwätz, sondern die Tat entscheidet. Nicht das mediale Aufgeblase und zunächst auch nicht die ganz kritische Reflexion.

Bereits dein Einstieg in das Thema suggeriert Läuterung. Kurze Selbstkritik, sich dem Widerspruch von außen nicht verschließen, poetisch kann der Artikel sogar noch als virtuelles Mahnmal aufgefasst werden – mach mal halblang. Inwieweit wirkliche Räume und Nischen innerhalb dieser Gesellschaft existieren, die „frei“ sind und sich dem staatlichen Zugriff entziehen, lasse ich jetzt mal dahin gestellt. Und, weiterhin im Konjunktiv gesprochen, kommt es vor allem darauf an, wie diese Nischen genutzt werden. Mit Mac-Fit Ideologie faschistoider Prägung lässt sich seine Liebe zur Freiheit fern ab gesellschaftlicher Normen jedenfalls nicht begründen – denn beides ist in eben jener schon zu Genüge vorhanden.

Der zweite Fehler ist den Begriff „wahr“ in Beziehung zu Handlungen von Ultras zu setzen. Jede Schlägerei, jede Choreo, jeder Einsatz von Pyrotechnik sowie jede Stellungnahme einer Gruppe dient dazu, sich auszudrücken. Was daran „wahr“ bzw. unwahr ist, ist vollkommen unerheblich, weil es hauptsächlich um das von dir negierte Geschwätz geht. Mobi-Videos und ähnlicher Kram konstruieren gerade um Derbys und/oder brisante Spiele ein Szenario fern ab jeglicher Realität. Was neben den martialischen Posen und Gesängen bleibt sind seitenlange Threads in Foren und Sätze wie „Die Staatsmacht verhinderte ein Rankommen an den Gegner“. Es zählt nicht die Tat und nicht, was wahr ist, sondern was den Leuten als wahr suggeriert wird. An diesem Geschwätz beteiligst du dich mit deinem Blog-Eintrag und ich mich mit meiner Reaktion darauf.

Sie bewiesen damit, dass sie sich von Sankt Paulianern, die im Ostseestadion ihre Mannschaft bejubeln, nichts vormachen lassen brauchen. Sie gelten etwas, das machten sie klar. Ebenso klar machen die Sankt Pauli-Fans, dass sie im Gegensatz zu den Rostockern was gelten und sind, wenn sie letztere mit „Who the fuck is Hansa Rostock?“ gesänglich zu einem unbekannten Niemand herabwürdigen. Das Maß ist ein Unterschiedliches. Während die Fans vom FC St.Pauli also diesem Spiel, den Wettkampf um die beste Leistung und Geltung, auf der rein ideologischen Weise begegnen, gehen die Rostocker weiter. Sie lassen sich nicht durch Fans anderer Vereine ihre Identität, etwas zu sein und zu gelten, absprechen. Sie weisen sie in die Schranken und das in letzter Konsequenz durch Angriff auf die Physis und körperliche Integrität des Gegenüber. Das ist sicherlich extremer, verfolgt aber keine anderen Zwecke.

Beachtlich! Bei Sankt Pauli lernen die Schlaubis wenigstens gleich Jura und nicht nur verschwurbelte Phrasen, um ihre tumben Freunde zu verteidigen. Diejenigen, die Clips und Böller in den Block der „Zecken“, der „asozialen Wessis“, gar der „schwulen Hamburger“ ballerten, wollten weder ihr Gebiet markieren noch ihren Anspruch geltend machen. Es waren Handlungen, die, ähnlich wie von Sankt Pauli vor zwei Jahren praktiziert, einen Gewaltfetisch artikulieren, der das Ziel hat, Menschen zu verletzen. Teilweise ist dies ideologisch unterfüttert, teilweise historisch gewachsen zwischen beiden Szenen. Das zu negieren oder gar versuchen herzuleiten aufgrund gesellschaftlicher Verfehlungen ist kühn, bereitet es doch Kriminellen (und nichts anderes sind Leute, die die bewusste Verletzung anderer durch den Einsatz von Böllern und Clips in Kauf nehmen) einen fruchtbaren Boden.

Denn wer nichts ist, kann sich zumindest mit Prestige und Anerkennung, also durch sein Ego, Erfolg verschaffen. Davon kann er sich nur müßig ernähren, aber immerhin. Wird ihm genau das in Frage gestellt, artet das mit unter eben auch in derlei Gewalttätigkeiten an Spielfeldrändern, Stadiontribünen oder des nächtens auf U-Bahnhöfen aus. Genau dieser Logik folgen die Ultras, folgen die Fans. Und genau deshalb klatscht das Publikum eines ganzen Fußballstadions bei einem Derby, wenn Raketen in den Block der Gäste fliegen.

Quatsch. Der Haupttribünen-Ossi springt doch nicht auf und johlt, applaudiert und schreit, weil er selber nix hat und der Bonzen-Wessi eine vor den Latz kriegt! Genauso wenig versteht er etwas von der Ultra‘-Mentalität und deren Auswüchsen, noch weniger identifiziert er sich mit ihr. Das was dort geschehen ist war deutscher Mob at it’s best. Die Klischee-Feindbilder sind in beiden Fanszenen gewachsen und tief verankert, hier die weltverbessernden, moralisch überlegen Zecken aus dem Westen, dort die Hartz-4-Plattenbau Nazis.

Und wenn sich etwas in den Köpfen des Haupttribünen-Publikums festgesetzt hat, dann ja wohl eben jene Klischees und nicht ein Verständnis von aktiver Fankultur geschweige denn von Ultrá. Sie applaudierten nicht, weil sie sich herabgewürdigt fühlten, sondern weil es für sein ein Genuss war im Angesicht der sportlichen Niederlage den Zecken noch einen mitzugeben. Dadurch wurden weder ihre Egos gestärkt noch eigene Schwäche kaschiert. Der deutsche Mob tobte so, wie er immer tobt wenn es darum geht, sich dem „Bösen“ zu erwehren. Das ist der relevante gesellschaftliche Hintergrund, und nicht das CDU-Argument Egoismus. Womit wir auch gleich beim nächsten Punkt wären:

(…) wo sich hier doch eigentlich alle zu Schulidgen machen, die dieses Spiel mitspielen. Diejenigen die abschießen. Diejenigen die klatschen und anfeuern. Auch diejenigen, welche durch nicht andersgerichtete Verlautbarungen den Gegner in seiner psychischen Integrität attackieren, diesmal aber eben die physisch Getroffenen sind. Und nichtzuletzt all jene, die alltäglich das Leistungsprinzip als gesellschaftliches Ordnungsprinzip hoch halten.

Neben der großzügigen Verteilung der Schuld findet auch in deinem Text die klassische Täter-Opfer-Umkehrung statt. Sankt Pauli ist also Mitschuld daran, dass der Rostocker per se gar nicht anders kann, als zu ballern und zu applaudieren? Ein Stadion ohne Individuen also, welches keinen eigenen Handlungsspielraum hat und getreu seiner „Identität“ so handeln muss? In seiner fragwürdigen psychischen Integrität scheinbar zutiefst erschüttert ist es trotzdem ein entscheidender Schritt hin zur physischen Attacke – für dich lieber Jimbo Jones ist dies nur ein logischer Schluss. Wer so denkt steckt zutiefst in einer Ideologie, die nichts mit Ultrá oder Identität zu tun hat, sondern einfach nur deutsch ist.

P.S.: Mit keiner einzigen Silbe erwähnst du in beiden Texten die homophoben Gesänge und Transparente der Heimkurve. Sicherlich ist dies in deinem Kopf mittlerweile als Standard abgespeichert und keine zusätzliche Erwähnung wert, dann klemm dir aber auch bitte in Zukunft die linke Attitüde sowie die gesellschaftskritischen Auslassungen.

P.P.S.: Dass der Italiener nur am Boden liegt hab ich ja noch nie gehört! Aber schlaue Sätze sagt er!


11 Antworten auf „Zum Lachen geh ich in den Tabellenkeller“


  1. 1 cafe morgenland 23. November 2011 um 17:59 Uhr

    an das cafe morgenland musste ich auch viel denken, als ich den quatschigen text von jimbo gelesen habe.
    der deutsche mob nutzt jede chance zum zusammenrotten gegen diejenigen, die als anders gebrandmarkt werden.
    Interesant wäre übrigends, wenn herr cantona nun noch den NS erklären würde, wo arme kleine deutsche ja gar keine andere wahl hatten, als …

  2. 2 murat 23. November 2011 um 21:51 Uhr

    tomaten auf den augen? Der schreibt doch nirgends, dass die akteure keine andere wahl hätten. Ganz im gegenteil stellt er doch die agierenden seiten dar: vernünftige, die sich das rumgeaffe auf beiden seiten sparen. geistige brandstifter. täter.

  3. 3 eric 24. November 2011 um 17:17 Uhr

    Erstens war das keine Stellungnahme.

    Zweitens ist Gewalt nie Selbstzweck. Gewalt ist immer Mittel für etwas. Um seinem Anspruch auf Geltung Nachdruck zu verleihen. Dass aus so einem Geltungsanspruch auch mal so etwas wie ein Fetisch werden kann, ist nicht bestritten. Aber von einem Gewaltfetisch zu sprechen, ist ja nun gleich gar keine Erklärung. Wie soll es denn erstmal zu diesem Fetisch gekommen sein? Ist vom Himmel gefallen oder wie?

    Drittens, selbst wenn es „nur“ um Ossis gegen Wessis ginge, dann ist „Deutscher Mob“ noch immer keine Erklärung dafür weshalb die applaudieren. Und warum machen sie das? Weil sie dem, was da passiert ist, zustimmen. Und wie kommt man dazu dem zuzustimmen? Weil man es für das richtige Mittel hält. Mittel wofür? Es dem Kontrahenten in einem Derby besonderer Art auf ganzer Linie zu zeigen. Was daran so deutsch sein soll, kannst du ja mal anhand gleicher Vorfälle im Ultra-Italien der letzten vierzig Jahre erläutern. Das ist da nämlich jenseits aller Plattenbau- und Moralapostel-Romantik geschehen. Da verschafft sich ein Anspruch Geltung, der sich eben nicht nur auf sportlichen, sondern gänzlichen Erfolg bezieht.

    Viertens steht in meinem Text nirgends, dass St.Pauli selbst zu verantworten hat, dass sie da beschossen werden. Da steht, dass die Paulianer diesem Geltungsanspruch nur insofern weniger hinterherrennen, als dass sie in diesem Wettstreit nicht mit Böllern um sich werfen und Pyrotechnik verschießen. Den Gegner nieder machen, darum – das kann nun keiner Verleugnen, der am Sonnabend im Stadion war und nicht tau ist – geht es den Braunhemden ebenso. Das kann man, wie über mir, als geistige Brandstiftung bezeichnen, oder ebend als eine Sache, die keiner anderen Logik folgt als das Handeln derer, die eben noch zu extremeren Mitteln greifen. Dass das eine Situation ohne Optionen ist, steht in meinem Text auch nicht. Sondern eben das Gegenteil. Dazu ja auch schon über mir.

    Fünftens – der Richtigkeit halber – war da Heterosexismus, aber keine Homophobie unterwegs, die zu lesen und hören war. Jenen habe ich aber auch vorher schon häufiger angeschnitten. Da du es ja auch übergehst, wenn deine Szene der Leistungsideologie, sich gegen die andere Szene zu beweisen, frönt, kann dir dieser Heterosexismus auch gepflegt am Arsch vorbei gehen. Immerhin bricht der sich ja nicht gewalttätig Bahn.

  4. 4 eric 24. November 2011 um 17:18 Uhr

    Wer so denkt steckt zutiefst in einer Ideologie, die mit Ultrá oder Identität zu tun hat und einfach nur dumm ist.

  5. 5 loveheartcore 25. November 2011 um 11:50 Uhr

    Sehr guter Artikel. Und das eric hier was von „Heterosexualität“ schreibt und die Tranparente & Gesänge & gesten somit verharmlost bzw relativiert löst in mir starken Kotzreiz aus.

  6. 6 ri0t 25. November 2011 um 13:28 Uhr

    wollte mich da vom eric auch aufklären lassen. der „in arsch… ihr homos“ lappen und „schwule schwule“ gepöbel ist keine homophobie? spannend…

  7. 7 Vecchio Stile 25. November 2011 um 14:58 Uhr

    Eine sehr ermüdende, wenn nicht gar einschläfernde Diskussion, gibt’s keine wichtigeren Probleme als indoktrinierte Textgefechte? ;)
    In diesem Sinne: Böller-Werfen und Leuchtspur-Schießen endlich legalisieren – Emotionen respektieren!

  8. 8 uhu 25. November 2011 um 17:23 Uhr

    Jetzt hat Erich ja doch den Gegenstand der Kritik gelöscht, und damit unzugänglich gemacht.

  9. 9 Wayne 29. November 2011 um 17:34 Uhr

    Boah, der FC St. Pauli wird echt immer ätzender. Lest Euch Eure Scheiße doch mal wieder durch wenn Ihr mit Flaschen und Fackeln Antifaschisten durch die Straßen jagt!

  10. 10 ich setz mich zum lachen aufn teller 30. November 2011 um 21:16 Uhr

    Beim Heterosexismus allgemein – anders als beim Sexismus – sind Männer oft in stärkerem Maße negativ betroffen als Frauen. Weibliche Homosexualität bleibt öfter unbeachtet und ist oft, wenn man über allgemein über Homosexualität spricht, nicht mitgemeint. Dadurch verwenden antihomosexuell eingestellte Personen manchmal getrennte Formulierungen wie „Homosexualität und Lesbentum“ oder ähnliches.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Homophobie#Diskriminierung_von_.28m.C3.A4nnlicher.29_Homosexualit.C3.A4t

  1. 1 Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Post von Tante Kriemhild Pingback am 30. November 2011 um 9:25 Uhr
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