Archiv für April 2012

Der Inhalt der MOPO vom kommenden Montag schon heute!

Sollte es zu den befürchteten Auseinandersetzungen zwischen Anhängern des FC St. Pauli und Hansa Rostock einerseits und der Polizei andererseits kommen, wird ein weiteres Mal die übliche Leier aus Ignoranz und Polemik von Behörden und Medien abgespult werden: Die Gewalt wird als „neue Eskalationsstufe“ oder „Bürgerkriegsszenario“ bezeichnet werden, Polizeivertreter werden „härtere Maßnahmen“ und „strengere Gesetze“ die Politik wird verurteilen und die Vereine „in die Pflicht“ nehmen wollen, die sich ihrerseits „erschüttert“ von der Gewalt „distanzieren und diese selbstverständlich ebenfalls verurteilen“ werden. Man kann getrost ein Monatsgehalt darauf setzen, dass die entsprechenden Pressemitteilungen, Statements, Polizeiberichte und Artikel für Montagmorgen schon vorgeschrieben auf den Festplatten liegen.

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Ultras dieser Welt, schaut auf Gera!

Stellungnahmen sind wohl mit Abstand das Langweiligste, was Ultras so von sich geben. Warum eine Gruppe sich nun hinter dem „Block 25F“-Banner positioniert, statt wie bisher im „Nordwestend“ ihr Unwesen zu treiben, geht mir komplett am Arsch vorbei. Auch postulierte Texte im Stile Thomas Bernhards (Länge der Aussage, nicht Inhalt!) zu Polizeigewalt, Pyrotechnik und dem Verhältnis zum Verein garantieren einen zeitnahen Schlaf. Doch es gibt sie, die Unerschütterlichen, die Wortakrobaten, die Ross und Reiter adäquat beim Namen nennen – man muss nur etwas suchen. Viel Vergnügen mit Ultras Gera 1999.

Vorstand: „Besonderen Unmut rief die Anhebung der Bierpreise um 10 Cent (5,5%), die nicht ausgerollte Wismut-Fahne oder die Tatsache, dass die Stadionuhr stehen geblieben ist, bei den Fans hervor.“

Ultras Gera: Unmut erregte nicht die Anhebung der Bierpreise (da diese mit einem erhöhten Lieferpreis erklärbar sind), sondern die Art und Weise wie dieses kommuniziert wurde. Anstatt die Zuschauer auf die gestiegenen Lieferpreise hinzuweisen, wurde das Preisschild mit Kugelschreiber durchgestrichen und der neue Preis daneben geschrieben. Lediglich diese Art und Weise haben wir kritisiert. Ebenso anmerken wollen wir, das die Stadionuhr bereits seit mehreren Monaten nicht mehr funktionierte und man als selbsternannte Nummer 1 wenigstens den Anspruch haben sollte, das dies in einem so langem Zeitraum wieder Instand zusetzen ist.

Vorstand: Auch der Umstand, dass der Vorstand es bis zum Spieltag nicht geschafft hatte, einen Teil der Fans einen Fernseher in der Stadiongaststätte bereit zu stellen, führte zu heftiger Kritik (…)“

Ultras Gera: Bereits im Januar haben wir bei der Vorstandssitzung den Wunsch, der ausdrücklich auch von anderen Fans geäußert wurde, beim Vorstand angebracht. Da viele Fans gern auch „Sport im Osten“ geschaut hätten, so wie es früher üblich war, haben wir diesen Gedanken an den Vorstand herangetragen. Das hierbei auch eine Mehreinnahme aufgrund der länger bleibenden Gäste erzielt worden wäre, sollte man auch nicht außer Acht lassen. Die Idee wurde damals vom Vorstand positiv aufgenommen und es wurde versichert, dass es zum ersten Heimspiel wieder möglich sein wird, in geselliger Runde die Zusammenfassung der höherklassigen regionalen Spiele anschauen zu können.

Vorstand: „Welchen Fehler hat der Vorstand gemacht“

Ultras Gera: Richtig formuliert müsste es heißen: Welche Fehler hat der Vorstand gemacht?

Vorstand: „Mentoren der Gästebücher dieser Seiten waren und sind bis heute auch einige Mitglieder der Ultras 99.“

Ultras Gera: Nach 13 Jahren, in denen es unsere Gruppe gibt, sollte auch der letzte Begriffen haben, dass wir Ultras Gera 1999 heißen.

Vorstand: „In der Vergangenheit wurde der Vorstand der BSG bzw. einzelne Vorstandsmitglieder in diesen Gästebücher immer wieder mit unsachlicher Kritik überhäuft, verleumdet und teilweise sogar mit Lügen diffamiert.“

Ultras Gera: Wie wäre es, wenn man diese Methoden erstmal in den eigenen Reihen abschafft, bevor man sie anderen unter die Nase reibt?

Ultras Gera: Ein paar persönliche Worte, möchten wir abschließend noch an unseren 1. Vorsitzenden Hermann Just richten:
Du hast dich in all deinen Jahren in diesem Verein aufopferungsvoll für die positive Entwicklung des Vereines eingesetzt. Ein Vereinspräsident, der früh um 2 Uhr beim Vereinsfest die Tische abwischt ist nicht nur Kult, sondern erfährt unseren größten Respekt!

Die komplette Stellungnahme gibt es hier. Falls jemand nen Foto der USP-Tapete „Bier muss bezahlbar bleiben – Solidarität mit Ultras Gera!“ findet, bitte in die comments.

„…und es muß gesagt werden“

Knapp 17 Jahre hat Günther Grass also gebraucht, um auf Marcel Reich Ranicki’s Kritik im Spiegel im Bezug auf sein „Werk“ Ein weites Feld adäquat zu antworten.

Kreativität lässt der alte Mann von der Waffen-SS schon im Titel vermissen, eine inhaltliche Kritik am stereotypen Antisemitismus seines neuesten Israel-Gedichts kann ich mir sparen – Reich Ranicki’s Festsstellung(en) zur Person Grass haben eine nie verlorene Gültigkeit:

Wahrscheinlich sind Sie auf diese Leistung besonders stolz, ich hingegen würde auf sie gern verzichten. Seit bald 40 Jahren habe ich eine Schwäche für Ihre hämmernde, Ihre unverwechselbare Diktion in der Prosa und auch in der Lyrik, und es tut mir leid, daß es Ihnen jetzt offenbar Spaß macht, bisweilen mit verstellter Stimme zu sprechen. Überdies entsteht durch diese Textmischung ein etwas riskantes Durcheinander. Ich will Ihnen ein Beispiel geben. In einem Brief Ihres Fonty heißt es: „Alles, was sich deutsch nennt, wird vom Mittelmaß beherrscht.“ Das ist dumm und ärgerlich.

Nun bin ich in dieser Hinsicht besonders empfindlich: Seit mir zum ersten Mal ein antisemitischer Satz an den Kopf geschmissen wurde – ich war noch ein Kind, und es war in einer deutschen Schule –, fürchte ich nationale und ähnliche Verallgemeinerungen. Wir wissen ja, wohin das geführt hat. Jetzt, mein lieber Günter Grass, werden Sie vielleicht triumphieren: Ätsch, ätsch – reingefallen. Denn dieser Satz über die deutsche Mittelmäßigkeit, werden Sie eventuell sagen, ist gar nicht von mir, sondern von unserem großen Fontane. Mag ja sein, ich bin da nicht sicher. Nur: Unsinn bleibt Unsinn.

Fontane war ein Schnellschreiber, dem (gar nicht so selten) auch ein törichtes Wort aus der Feder geflossen ist, zumal in seinen zahllosen Briefen. Mit Fontane-Zitaten hat man schon viel Unheil angerichtet, übrigens auch im Dritten Reich. Kurz und gut: Es wäre besser, Sie spielten mit offenen Karten, dann könnten wir nie auf die unangenehme Idee kommen, Sie wollten uns, sich bei Fontane reichlich bedienend, ein wenig übers Ohr hauen.

Die Sehnsucht nach der deutschen Stärke, die Enttäuschung über die Wiedervereinigung, eine halbgare Abrechnung mit der DDR – Grass hatte stets eine unerklärbare, öffentlichkeitswirksame Meinungsmacht. Dass seine zunehmend geschichtsrevisionistischen und antisemitischen Auslassungen und Werke der späten 1990er/frühen 2000er lediglich etwas mit dem Konflikt zwischen ihm und Reich-Ranicki zu tun haben ist mir hier zu billig, schließlich wollte sich auf diese Scholle schon der Parade-Antisemit Martin Walser retten. Reich-Ranicki schweigt auf Anfrage zu den neuesten Auslassungen. Wozu auch noch einmal Sätze von vor 17 Jahren wiederholen, wenn alles bereits gesagt ist:

Sie wissen nicht, wovon Sie reden.