„…und es muß gesagt werden“

Knapp 17 Jahre hat Günther Grass also gebraucht, um auf Marcel Reich Ranicki’s Kritik im Spiegel im Bezug auf sein „Werk“ Ein weites Feld adäquat zu antworten.

Kreativität lässt der alte Mann von der Waffen-SS schon im Titel vermissen, eine inhaltliche Kritik am stereotypen Antisemitismus seines neuesten Israel-Gedichts kann ich mir sparen – Reich Ranicki’s Festsstellung(en) zur Person Grass haben eine nie verlorene Gültigkeit:

Wahrscheinlich sind Sie auf diese Leistung besonders stolz, ich hingegen würde auf sie gern verzichten. Seit bald 40 Jahren habe ich eine Schwäche für Ihre hämmernde, Ihre unverwechselbare Diktion in der Prosa und auch in der Lyrik, und es tut mir leid, daß es Ihnen jetzt offenbar Spaß macht, bisweilen mit verstellter Stimme zu sprechen. Überdies entsteht durch diese Textmischung ein etwas riskantes Durcheinander. Ich will Ihnen ein Beispiel geben. In einem Brief Ihres Fonty heißt es: „Alles, was sich deutsch nennt, wird vom Mittelmaß beherrscht.“ Das ist dumm und ärgerlich.

Nun bin ich in dieser Hinsicht besonders empfindlich: Seit mir zum ersten Mal ein antisemitischer Satz an den Kopf geschmissen wurde – ich war noch ein Kind, und es war in einer deutschen Schule –, fürchte ich nationale und ähnliche Verallgemeinerungen. Wir wissen ja, wohin das geführt hat. Jetzt, mein lieber Günter Grass, werden Sie vielleicht triumphieren: Ätsch, ätsch – reingefallen. Denn dieser Satz über die deutsche Mittelmäßigkeit, werden Sie eventuell sagen, ist gar nicht von mir, sondern von unserem großen Fontane. Mag ja sein, ich bin da nicht sicher. Nur: Unsinn bleibt Unsinn.

Fontane war ein Schnellschreiber, dem (gar nicht so selten) auch ein törichtes Wort aus der Feder geflossen ist, zumal in seinen zahllosen Briefen. Mit Fontane-Zitaten hat man schon viel Unheil angerichtet, übrigens auch im Dritten Reich. Kurz und gut: Es wäre besser, Sie spielten mit offenen Karten, dann könnten wir nie auf die unangenehme Idee kommen, Sie wollten uns, sich bei Fontane reichlich bedienend, ein wenig übers Ohr hauen.

Die Sehnsucht nach der deutschen Stärke, die Enttäuschung über die Wiedervereinigung, eine halbgare Abrechnung mit der DDR – Grass hatte stets eine unerklärbare, öffentlichkeitswirksame Meinungsmacht. Dass seine zunehmend geschichtsrevisionistischen und antisemitischen Auslassungen und Werke der späten 1990er/frühen 2000er lediglich etwas mit dem Konflikt zwischen ihm und Reich-Ranicki zu tun haben ist mir hier zu billig, schließlich wollte sich auf diese Scholle schon der Parade-Antisemit Martin Walser retten. Reich-Ranicki schweigt auf Anfrage zu den neuesten Auslassungen. Wozu auch noch einmal Sätze von vor 17 Jahren wiederholen, wenn alles bereits gesagt ist:

Sie wissen nicht, wovon Sie reden.


6 Antworten auf „„…und es muß gesagt werden““


  1. 1 Künstler 05. April 2012 um 12:35 Uhr

    Haha. Kunst ist frei und darf/muss und soll kritik üben! Wieso bloß nur nicht an Israel? Israelkritik = Antisemitismus und nach diesem Schema werden seit nun mehr 60 Jahren alle Israelkritiker in gleicher Weise als Antisemiten abgestempelt. Welche Israelkritiker sind denn keine Antisemiten? Somit bleibt die größte Waffe der Zionisten der Vorwurf des Antisemitismus in unserer gleichgewaschenen Medien-Blödheitsrepublik. Heutige Definition von Antisemitismus: Kritik an Israel = Antisemitismus! Das sich Israel nicht an den Atomwaffensperrvertrag hält,verdeckte und offene Kriege führt haben wohl alle Lobpreiser des „gelobten Landes“ längst vergessen. Aber 150 Jahre Zionismuspropaganda in Presse (und später TV) haben ihre Spuren in den Köpfen der gleichgeschalteten (deutschen) Gutbürger hinterlassen. Fühlt euch ruhig weiterhin und für ewig schuldig für die Dinge, die nicht in eurer Verantwortung liegen und je gelegen haben, denn ihr seid die noch besseren und manipulierteren Schafe als es eure Großeltern je gewesen sind! Ihr glaubt alles ohne etwas zu hinterfragen, folgt blind und rücksichtslos euren Dogmen und gesteuerten -ismen, doch die vielen Wölfe im Schafspelz erkennt ihr nicht.Fangt endlich an selbstständig zu denken statt vorgefertigte und vorgesetzte Meinungen und Dogmen wie die dümmsten Schafe zu übernehmen! In diesem Sinne – Nie wieder Deutschland – Nie wieder Israel – Nie wieder Antisemitismus – Keine Staaten und keine Nationen!

  2. 2 Administrator 07. April 2012 um 1:55 Uhr

    Welche Israelkritiker sind denn keine Antisemiten?

    Menschen, die sich zu Sachlagen und -themen äußern, die konkrete Informationen und Fakten anführen und in der Lage sind, antizionistische Stereotype sowie antisemitische Zuschreibungen außen vor zu lassen.

    Du schaffst das nicht:

    Aber 150 Jahre Zionismuspropaganda in Presse (und später TV) haben ihre Spuren in den Köpfen der gleichgeschalteten (deutschen) Gutbürger hinterlassen. Fühlt euch ruhig weiterhin und für ewig schuldig für die Dinge, die nicht in eurer Verantwortung liegen und je gelegen haben, denn ihr seid die noch besseren und manipulierteren Schafe als es eure Großeltern je gewesen sind!

    Jaja, die Juden regieren die Medien und genrell die ganze Welt. Schuldig für Dinge, die nicht in unserer Verantwortung liegen, dazu noch eine schöne Relativierung von Taten von NS-Verbrechern – gute Besserung.

  3. 3 Gegen anti- und andere deutsche Dichter! 09. April 2012 um 16:48 Uhr
  4. 4 Administrator 10. April 2012 um 0:55 Uhr

    Solche Leute, die ihr diffuses Gefühl in markigen Professoren-Worten endlich wiederfinden, um diese anschließend hier als „Wahrheit“ zu preisen, mag ich ganz besonders. Und in diesem konkreten Fall bildet es auch nur teilweise. Zum Glück gibt es die „imperialistische“ Ami-Politik, das Ass im Ärmel, was gespielt wird, wenn wirklich nichts mehr geht.
    Da du auf Huiskens schon so abgehst wie die Motte auf’s Licht, lehne ich meine Gegenfrage für dich an ihn an: Wieviel Dummheit braucht / verträgt die Republik?

  5. 5 PKI 10. April 2012 um 2:16 Uhr

    was stört dich denn am huisken? die „markigkeit“, dass er die außenpolitische tätigkeit der usa nicht für ein „glück“ hält oder seine existenz als jemand, den man zitiert (was dich bei MRR offenbar nicht stört, von dem man dann wohl auch nicht behaupten darf, er wirke auf dich so anziehend wie die kleingeldnutte auf den frisch entlassenen knacki)?

  1. 1 Die ewig Gestrigen | lichterkarussell Pingback am 06. April 2012 um 2:17 Uhr
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