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Clemens, der Kampf geht weiter!

Clemens Meyer »Gewalten. Ein Tagebuch«

Clemens, der Kampf geht weiter!

Der Sommer 2009 war warm, sehr warm. Ich wartete am Leipziger Hauptbahnhof auf meinen verspäteten Zug und vertrieb mir die Zeit in einem der Zeitungs‑ und Buchläden. Inmitten hastig in Magazinen stöbernder Menschen lehnte ein dunkelblonder Mann mit Brille und beigem Hemd am Zeitungsregal und blätterte in einer Zeitschrift für Boxsport. Auch er wartete auf einen Zug, wie sich später heraus stellte auf denselben. Die umstehenden Personen erkannten Clemens Meyer und er genoss dies in vollen Zügen, redete an der Kasse lauter als nötig und verabschiedete sich mit einer leichten Schwungbewegung in Richtung Bahnsteig. Clemens Meyer kaufte die Zeitschrift. Klischeebeladener kann ein Text über ihn nicht beginnen. Er schrieb zudem in dieser Zeit gerade an seinem dritten Roman, ein Jahresroman, ein vermeintliches Tagebuch. Chronologisch arbeitet Meyer das Jahr 2009 auf; ein Projekt, was von der Guntram und Irene Rinke Stiftung in Form eines Stipendiums finanziell unterstützt wurde.

224 Seiten Gewalt. 11 Kapitel Wahn, Brutalität, Rausch, Realität, Ausnüchterung, Sucht und Schmerz. »Ich bin noch da, ihr Schweine!«; diese markigen Worte stellen das Lebensmotto des Protagonisten dar; »Gewalten. Ein Tagebuch«. Der Titel verspricht, was Meyer niemals einlösen wird: Nähe. Tagebücher geben Einblicke, in ihnen reflektiert ein Mensch, schreibt von Sehnsüchten, Ängsten, Träumen und Bagatellen. Meyer hingegen erzählt Geschichten, in denen er höchstens vorkommen könnte. Nur darum geht es gar nicht. Denn darum ging es viel zu lange. Quälend oft musste sich Meyer Fragen zur Authentizität seiner Geschichten und des von ihm beschriebenen Milieus gefallen lassen, jahrelang interessierte Journalisten bei der Personenbeschreibung nichts anderes als seine Tattoos und der steinige Weg zum Literatenruhm. Seine Antwort darauf ist eine Romanfigur, die seinen Namen trägt und Erzählstrukturen wiederbelebt, welche bereits in seinem ersten Roman »Als wir träumten« (2006) sowie in dem mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichneten Werk »Die Nacht, die Lichter« (2008) auftauchten.

Diesmal peppt er seine Geschichten mit tagesaktuellen Geschehnissen auf. Meyer bedient sich Ereignissen wie Guantanamo Bay, dem Amoklauf von Winnenden, dem Leipziger Stadtderby zwischen dem FC Sachsen und Lokomotive Leipzig oder der Ermordung der achtjährigen Michelle. Dies sind bei weitem keine unsensiblen Themen, umso härter ist dafür die Sprachwahl, fast schon quälend geht er bei der Beschreibung ins Detail und setzt dem Leser die Pistole auf die Brust: Umblättern oder durchstehen. Der Autor zeigt: Ich bin mächtig, ich übe Gewalt aus, obwohl ich vermeintlich nur darüber schreibe. Wenn er über den Tod seines Hundes, Prostitution oder verlorene Pferdewetten schreibt, wird die Sprache unerheblich milder; vielmehr kämpft das literarische Ich nun gegen die unbesiegbarsten aller Gegner an, das Schicksal, das Glück und den Tod. Es ist die traurige Ballade von einem Kämpferherz, das niemals sein Glück finden wird, das niemals dort ankommen wird, wo es sich selbst sieht. Aufgeben kann es nicht, das ist daran das Dilemma.

Die unterschiedlichen Kapitel wirken an manchen Stellen wie eine Drehbuchvorlage, so stark kokettiert Clemens Meyer mit Brüchen, Sequenzen, Einblendungen und Handlungsüberlagerungen. Auch dieses Motiv ist zumindest aus »Als wir träumten« bekannt. Wenn sich Meyer scheinbar in einen Wahn arbeitet und dies mit filmischen Meilensteinen wie »Taxi Driver« oder »Apocalypse Now« assoziiert, ist dies zu einem kleinen Teil der Schrei nach bildungsbürgerlicher Anerkennung, hauptsächlich jedoch einfach nur großartig geschrieben. Diese Ekstase hält leider nicht lange an, manchmal lesen sich Abschnitte wie holprig miteinander verbunden und notdürftig repariert. Die Dramaturgie, die Meyer um einzelne Alltagserlebnisse aufbaut wird denen nicht immer gerecht, Leipziger Flüsse oder Bielefelder Rummelplätze sind dafür nur zwei Beispiele.

Jahresrückblicke sind immer persönlich, höchst selten messen Menschen Ereignissen dieselbe Bedeutung zu. Bei Meyer endet der Jahresroman mit einem Todesfall, dem seines Hundes. »Er ist weg« sind die letzten Worte, die Realität negiert das marktschreierische Lebensmotto des Anfangs. Die großen Kämpfe gehen immer verloren. Meyer verlieh dem Jahr 2009 eine Dramaturgie, der es nur bedingt gerecht wurde. Sein Buch ist ein ansprechende Fortsetzung seiner bisherigen Romane, aber keine wirklich Weiterentwicklung. Im Vergleich zu seinem Erstlingswerk »Als wir träumten« ist die Unbekümmertheit des Erzählens, die auf jeder Seite mitschwang, verloren gegangen und einem Zwang gewichen. Die wenigen Geschichte, die Meyer in »Gewalten« erzählt/verarbeitet, lassen die Befürchtung aufkommen, dass der gezwungene Eindruck sich auch dort niederschlägt: Wer Geschichte finden muss, um überhaupt etwas zu erzählen, dem gelingt zumeist kein Glanzstück. Man könnte fast meinen, er hält seine bisherigen Beschreibungen der ostdeutschen Lebenswirklichkeit selber nicht mehr für interessant genug und bedient sich eher bei Auflage-machenden Themen. Eine Art Selbstinszenierung: Meyer duckt sich nicht weg, sondern sucht offen seinen eigenen Umgang mit dem Elend in der Welt – klingt mutig und ufert doch zu oft aus.

»Das Gefängnis, der Knast, das Eingesperrtsein schien immer mein Schicksal zu sein, schon meine Mutter drohte mir als Kind mehrfach mit Jugendwerkhof und Heim, aber vielleicht denke ich mir das jetzt nur aus zugunsten der Dramatik.«

Meyer liefert die Zusammenfassung seines Buches quasi selbst. Unbestritten ist er ein sehr guter Erzähler, seine Geschichten haben Leuchtkraft und bescherten ihm nicht zu Unrecht eine ordentliche Stammleserschaft. Diese sollte er mit seinem nächsten Werk für die Strapazen entschädigen. Denn ein Boxerherz gibt nie auf.